Hermi Lottersberger 90

„Blasl-Sepp“ war Hermis erster Lehrmeister.

Aktiv und rüstig feierte am 22. Dezember 2016 die weit über das Zillertal und Tirol hinaus bekannte Bergsteigerin Hermine Lottersberger ihren 90er. Vor mehr als 4 Jahrzehnten war sie mit den Besten ihrer Zeit unterwegs und zählte zu den herausragendsten Kletterpionierinnen ihrer Zeit.

Freilich in einer Zeit, in der Männer die alpine Szene dominierten. Frauen kletterten, wenn überhaupt, am hinteren Ende des Seils und wurden entsprechend selten in den Annalen der ruhmreichen Alpentouren aufgeführt.

Richtig auf den „Geschmack“ gekommen ist Hermi Lottersberger, als der Mayrhofner Briefträger Hans Lottersberger seine Zukünftige am heimischen Tristner 1947 ans Seil genommen hat. Es sollten aber noch einige Jahre vergehen, denn nach der Verehelichung 1951 kamen die drei Kinder und die jungen Eltern fanden nur sporadisch Zeit für Bergtouren.

Aber dann ging es Schlag auf Schlag! Der 15 Jahre jüngere Peter Habeler nimmt seine Nachbarin mit zum Nordostgrat des Olperers. Mit dabei sind unter anderen Horst Fankhauser aus Finkenberg (der spätere Wirt der Franz-Senn-Hütte in den Stubaiern) und Sepp Mayerl aus Osttirol. Der 26-jährige „Blasl-Sepp“ genießt schon damals hohes Ansehen unter Insidern.

Hermi ist fasziniert davon, „sich am Seil nach oben zu bewegen“. Wann immer möglich geht es jetzt in die Berge, mit ihrem Hansl und gemeinsamen Bekannten. Sie schafft am Feldkopf (Zsigmondyspitze) ihren ersten Dreier und notiert, „vielleicht ist ein Vierer nicht zu schwer für mich?“ Eine Frage, die gut drei Monate später am gleichen Berg geklärt ist, wo sie mit Hansl die Südwestkante und bald danach mit Sepp Mayerl den Südwestgrat klettert - „Nur weil der Peter an dem Tag keine Zeit hatte, durfte ich mit.“ Sepp ist beeindruckt und nennt sie den „Tiger vom Zillertal“. Für Hermi Lottersberger wird der zehn Jahre Jüngere zum strengen Lehrmeister. Nach der Guffert-Südkante ist die Lektion „Abseilen“ angesagt.

Später folgen mit Peter Habeler Touren in die Dolomiten zur Civetta, Ciavazes-Südostkante zum Sellaplateau, runter über den Pößnecker Klettersteig; und weil noch Zeit ist, geht‘s rüber zur Stegerkante am ers-ten Sellaturm. Auch der angehende Bergstar Reinhold Messner nimmt die talentierte Hausfrau ans Seil. Zwei Testtouren an den Sellatürmen scheinen ihn zu überzeugen und schlägt die Via Micheluzzi durch die Ciavazes-Südwand vor. Voller Vertrauen in das Können des 17 Jahre Jüngeren steigt Hermi hinterher, meistert den berühmt-berüchtigten 90-Meter-Quergang (VI).

Was hat Hans Lottersberger davon gehalten, dass seine Frau nun zunehmend häufiger fort war? Mit Burschen, die wie sie selbst feststellt - fast ihre Söhne hätten sein können. „Der Hansl hat mi ollwei gehn lossn, der war seiner Zeit weit voraus“, sagt Hermi. Im Mai 2007 ist der Briefträger mit den gütigen Augen gestorben. 40 Jahre lang habe er ihr „den Rücken frei gehalten“ und sich stets mit ihr gefreut. Die letzten beiden Jahre hat sie ihn gepflegt, dankbar dafür, ihm dadurch etwas zurückgeben zu können.

„Was bringt mir dieses Jahr?“, schreibt Hermi Anfang 1967 ins Tourenbuch. Und beim Weiterblättern verkneifen sich die Besucher die Frage, wie sie es von da an geschafft haben mag, die Abmachung mit Hansl einzuhalten: Wenn daheim alles „auf Vordermann“ gebracht sei, könne sie jederzeit losziehen. Gemäß ihrem Motto „Ich will, ich darf“ lässt die inzwischen Vierzigjährige kaum eine Gelegenheit aus, in „ihre“ Berge zu kommen. Am Seil von Reinhold, Günther und Siegfried Messner, Heini Holzer, Renato Reali und dem Villnößer Bauern Heindl Messner reihen sich in kurzen Abständen Erstbegehungen und anspruchsvolle Dolomitenklassiker aneinander. Allein deren Aufzählung - ohne die Geschichten dahinter - würde mehrere Seiten füllen. „Sepp Mayerl“ war der Lehrmeister, den Feinschliff bekam ich später von Reinhold und Heini“, erklärt Hermi. Und betont mit einigem Stolz: „Ich bin buchstäblich durch viele Hände gegangen, aber keiner kann sagen, da hab ich sie auffiziehen müssen.“ Zu all den großen Touren sei sie eingeladen worden und hat sich gedacht, „die werden schon wissen, ob sie mir das zutrauen können“. Nur die gelbe Kante an der Kleinen Zinne habe sie sich beim Sepp „derbetteln“ müssen. „Nie!“, hat er gesagt, und letztendlich doch nachgegeben.

Anfang Juni 1968 steigt Hermi mit Reinhold Messner in neun Stunden auf der Solleder-Route (V+ und VI) durch die Furchetta-Nordwand. Wobei sich die erste Frau in dieser 800-Meter-Wand nicht nur über „das herrliche Steigen, losgerissen vom Unten“ begeistert, sondern auch über leuchtende Polster vom Roten Steinbrech.

Einige der Touren, denen sie vor ein paar Jahren noch entgegengefiebert hatte, klettert Hermi nun als erste am Seil. Im Sommer 1969 wird sie im Rahmen eines österreichisch-russischen Bergsteigeraustauschs in den Kaukasus eingeladen. Die 16 Männer hätten ziemlich „trocken dreing‘schaut“, als beim Vorbereitungstreffen eine Frau aufgetaucht ist. Umso härter hat sie dann daheim trainiert und zählt später zu den Stärksten der Truppe. Da weiß sich ein weniger starker Mann nur noch zu helfen, indem er sie im Basislager auffordert, seine Socken zu stopfen.

Die Zeit war nicht reif für Frauen an hohen Bergen. Und während sich das Aktionsfeld der meisten Freunde in ferne Regionen verschiebt, ist Hermi weiterhin unermüdlich in den Alpen unterwegs. Beständigster Seilpartner ist nun Heini Holzer, der als Kaminkehrer und Vater von zwei kleinen Kindern nicht wochenlang von daheim weg kann. Stattdessen schreibt er durch extreme Skiabfahrten alpine Geschichte. Bei der ersten Steilabfahrt am 13. Juni 1970 durch die direkte Nordwand der Punta Penia an der Marmolada begleiten ihn Siegfried Messner und die Freundin aus dem Zillertal. Die übernächste Seite im Tourenbuch ist schwarz umrandet. Günther Messner kehrt nicht zurück vom Nanga Parbat. Zwei Jahre zuvor ist die „Schwarze Katze“, der 20-jährige Renato Reali, in den Tod gestürzt. Doch das Licht am Berg bleibt stärker als die Schatten, und das Hinaufsteigen ist längst zur inneren Notwendigkeit geworden. Genau zehn Jahre, nachdem Hermi Lottersberger zum ersten Mal am Seil von Heini Holzer geklettert ist, steht sie an seinem Grab. Der 32-Jährige ist am 26. Juni 1977 in der Nordostwand des Piz Roseg abgestürzt - es wäre seine 104. Steilwandabfahrt gewesen.

Ganz allmählich zeigt sich eine Veränderung in Hermis Bergtagebüchern. Zwar stechen noch immer schwierige Anstiege heraus, viele davon mit ihrer Freundin Sieglinde Walzl, der Lebensgefährtin von Heini Holzer. Dazwischen finden sich jedoch häufig Gipfeltouren, ja sogar Wanderungen in heimischen Gefilden - oft zusammen mit Hansl, den Töchtern oder dem Schwiegersohn. Und Sätze, die ein „Zur-Ruhe-kommen“ erahnen lassen: „Wie schön ist doch unsere Heimat!“ Hier könnte die bislang so außergewöhnliche Geschichte wieder in „geordnete Bahnen“ münden und harmonisch ausklingen ... aber da schlägt Hermi das nächste Buch und ein neues Kapitel auf.

Im Juli 1983, 20 Jahre, nachdem der Bergvirus sie unheilbar infiziert hat, lädt der Mayrhofner Spitzenkletterer Luggi Rieser die rastlose Großmutter ein zu einer gemeinsamen Tour: die Fußstein-Nordkante mit Überschreitung zum Olperer. Eine wie Hermi lässt sich da nicht zweimal bitten und steigt souverän dem 30 Jahre Jüngeren hinterher. Im August 1985 „verewigt“ sich die originelle Seilschaft - Luggi nennt sich als Bhagwan-Anhänger inzwischen Prem Darshano und klettert mit Frack und Zylinder - mit dem „Hermi-Pfeiler“, einer luftigen (V+) Erstbegehung am Blaser im Zillertaler Floitenkamm. Die von Darshano mit dem Tiroler Hanspeter„Jesus“ Schrattenthaler in den 80er und 90er Jahren kreierten Kletterrouten gelten bis heute als legendär in puncto Stil und Schwierigkeit. Und manchmal begleitet Hermi die „Buben“ - hinauf in eine neue Kletterwelt. Gemeinsame Erstbegehungen heißen „Hermilyn-Verschneidung“, „Mit 66 Jahren“, „Juwel der Freundschaft“, „Hurra 70!“ - und zum 75-sten Geburtstag „Erinnerung an die Zukunft“.
Dass sie nach wie vor ein erfülltes Leben hat, betont Hermi und legt einen Stapel mit neueren Fotos auf den Tisch. Seit infolge einer irreparablen Augenerkrankung die Sehkraft stark eingeschränkt ist, kraxelt das Energiebündel auch heute noch an den Klettersteigen um Mayrhofen. Das gehe auch ohne Partner, und Tritte und Griffe könne sie schließlich noch gut genug erkennen. Am Schrank lehnt - fertig gepackt zum Ausrücken - der Rucksack mit der Klettersteigausrüstung. Irgendwie hat sich nichts geändert: Eine Hermi Lottersberger geht grundsätzlich lieber rauf als „och‘n“.

In Erinnerung an all deine großartigen bergsteigerischen Leistungen, aber auch in Bewunderung deiner Kraft zur Bewältigung schwerer Schicksalsschläge, deiner positiven Lebenseinstellung und deinem starken Willen, jedem neuen Tag aktiv zu begegnen, gratulieren dir die „Zillertaler Heimatstimme“ und deren Leserinnen und Leser, sehr geschätzte Hermi Lottersberger, zum 90er.

(Text aus Beitrag von Birgit Antes - Weihnachtsausgabe der Zillertaler Heimatstimme 2009 - und Redaktion)

Hermi Lottersberger 90

„Blasl-Sepp“ war Hermis erster Lehrmeister.

Aktiv und rüstig feierte am 22. Dezember 2016 die weit über das Zillertal und Tirol hinaus bekannte Bergsteigerin Hermine Lottersberger ihren 90er. Vor mehr als 4 Jahrzehnten war sie mit den Besten ihrer Zeit unterwegs und zählte zu den herausragendsten Kletterpionierinnen ihrer Zeit.

Freilich in einer Zeit, in der Männer die alpine Szene dominierten. Frauen kletterten, wenn überhaupt, am hinteren Ende des Seils und wurden entsprechend selten in den Annalen der ruhmreichen Alpentouren aufgeführt.

Richtig auf den „Geschmack“ gekommen ist Hermi Lottersberger, als der Mayrhofner Briefträger Hans Lottersberger seine Zukünftige am heimischen Tristner 1947 ans Seil genommen hat. Es sollten aber noch einige Jahre vergehen, denn nach der Verehelichung 1951 kamen die drei Kinder und die jungen Eltern fanden nur sporadisch Zeit für Bergtouren.

Aber dann ging es Schlag auf Schlag! Der 15 Jahre jüngere Peter Habeler nimmt seine Nachbarin mit zum Nordostgrat des Olperers. Mit dabei sind unter anderen Horst Fankhauser aus Finkenberg (der spätere Wirt der Franz-Senn-Hütte in den Stubaiern) und Sepp Mayerl aus Osttirol. Der 26-jährige „Blasl-Sepp“ genießt schon damals hohes Ansehen unter Insidern.

Hermi ist fasziniert davon, „sich am Seil nach oben zu bewegen“. Wann immer möglich geht es jetzt in die Berge, mit ihrem Hansl und gemeinsamen Bekannten. Sie schafft am Feldkopf (Zsigmondyspitze) ihren ersten Dreier und notiert, „vielleicht ist ein Vierer nicht zu schwer für mich?“ Eine Frage, die gut drei Monate später am gleichen Berg geklärt ist, wo sie mit Hansl die Südwestkante und bald danach mit Sepp Mayerl den Südwestgrat klettert - „Nur weil der Peter an dem Tag keine Zeit hatte, durfte ich mit.“ Sepp ist beeindruckt und nennt sie den „Tiger vom Zillertal“. Für Hermi Lottersberger wird der zehn Jahre Jüngere zum strengen Lehrmeister. Nach der Guffert-Südkante ist die Lektion „Abseilen“ angesagt.

Später folgen mit Peter Habeler Touren in die Dolomiten zur Civetta, Ciavazes-Südostkante zum Sellaplateau, runter über den Pößnecker Klettersteig; und weil noch Zeit ist, geht‘s rüber zur Stegerkante am ers-ten Sellaturm. Auch der angehende Bergstar Reinhold Messner nimmt die talentierte Hausfrau ans Seil. Zwei Testtouren an den Sellatürmen scheinen ihn zu überzeugen und schlägt die Via Micheluzzi durch die Ciavazes-Südwand vor. Voller Vertrauen in das Können des 17 Jahre Jüngeren steigt Hermi hinterher, meistert den berühmt-berüchtigten 90-Meter-Quergang (VI).

Was hat Hans Lottersberger davon gehalten, dass seine Frau nun zunehmend häufiger fort war? Mit Burschen, die wie sie selbst feststellt - fast ihre Söhne hätten sein können. „Der Hansl hat mi ollwei gehn lossn, der war seiner Zeit weit voraus“, sagt Hermi. Im Mai 2007 ist der Briefträger mit den gütigen Augen gestorben. 40 Jahre lang habe er ihr „den Rücken frei gehalten“ und sich stets mit ihr gefreut. Die letzten beiden Jahre hat sie ihn gepflegt, dankbar dafür, ihm dadurch etwas zurückgeben zu können.

„Was bringt mir dieses Jahr?“, schreibt Hermi Anfang 1967 ins Tourenbuch. Und beim Weiterblättern verkneifen sich die Besucher die Frage, wie sie es von da an geschafft haben mag, die Abmachung mit Hansl einzuhalten: Wenn daheim alles „auf Vordermann“ gebracht sei, könne sie jederzeit losziehen. Gemäß ihrem Motto „Ich will, ich darf“ lässt die inzwischen Vierzigjährige kaum eine Gelegenheit aus, in „ihre“ Berge zu kommen. Am Seil von Reinhold, Günther und Siegfried Messner, Heini Holzer, Renato Reali und dem Villnößer Bauern Heindl Messner reihen sich in kurzen Abständen Erstbegehungen und anspruchsvolle Dolomitenklassiker aneinander. Allein deren Aufzählung - ohne die Geschichten dahinter - würde mehrere Seiten füllen. „Sepp Mayerl“ war der Lehrmeister, den Feinschliff bekam ich später von Reinhold und Heini“, erklärt Hermi. Und betont mit einigem Stolz: „Ich bin buchstäblich durch viele Hände gegangen, aber keiner kann sagen, da hab ich sie auffiziehen müssen.“ Zu all den großen Touren sei sie eingeladen worden und hat sich gedacht, „die werden schon wissen, ob sie mir das zutrauen können“. Nur die gelbe Kante an der Kleinen Zinne habe sie sich beim Sepp „derbetteln“ müssen. „Nie!“, hat er gesagt, und letztendlich doch nachgegeben.

Anfang Juni 1968 steigt Hermi mit Reinhold Messner in neun Stunden auf der Solleder-Route (V+ und VI) durch die Furchetta-Nordwand. Wobei sich die erste Frau in dieser 800-Meter-Wand nicht nur über „das herrliche Steigen, losgerissen vom Unten“ begeistert, sondern auch über leuchtende Polster vom Roten Steinbrech.

Einige der Touren, denen sie vor ein paar Jahren noch entgegengefiebert hatte, klettert Hermi nun als erste am Seil. Im Sommer 1969 wird sie im Rahmen eines österreichisch-russischen Bergsteigeraustauschs in den Kaukasus eingeladen. Die 16 Männer hätten ziemlich „trocken dreing‘schaut“, als beim Vorbereitungstreffen eine Frau aufgetaucht ist. Umso härter hat sie dann daheim trainiert und zählt später zu den Stärksten der Truppe. Da weiß sich ein weniger starker Mann nur noch zu helfen, indem er sie im Basislager auffordert, seine Socken zu stopfen.

Die Zeit war nicht reif für Frauen an hohen Bergen. Und während sich das Aktionsfeld der meisten Freunde in ferne Regionen verschiebt, ist Hermi weiterhin unermüdlich in den Alpen unterwegs. Beständigster Seilpartner ist nun Heini Holzer, der als Kaminkehrer und Vater von zwei kleinen Kindern nicht wochenlang von daheim weg kann. Stattdessen schreibt er durch extreme Skiabfahrten alpine Geschichte. Bei der ersten Steilabfahrt am 13. Juni 1970 durch die direkte Nordwand der Punta Penia an der Marmolada begleiten ihn Siegfried Messner und die Freundin aus dem Zillertal. Die übernächste Seite im Tourenbuch ist schwarz umrandet. Günther Messner kehrt nicht zurück vom Nanga Parbat. Zwei Jahre zuvor ist die „Schwarze Katze“, der 20-jährige Renato Reali, in den Tod gestürzt. Doch das Licht am Berg bleibt stärker als die Schatten, und das Hinaufsteigen ist längst zur inneren Notwendigkeit geworden. Genau zehn Jahre, nachdem Hermi Lottersberger zum ersten Mal am Seil von Heini Holzer geklettert ist, steht sie an seinem Grab. Der 32-Jährige ist am 26. Juni 1977 in der Nordostwand des Piz Roseg abgestürzt - es wäre seine 104. Steilwandabfahrt gewesen.

Ganz allmählich zeigt sich eine Veränderung in Hermis Bergtagebüchern. Zwar stechen noch immer schwierige Anstiege heraus, viele davon mit ihrer Freundin Sieglinde Walzl, der Lebensgefährtin von Heini Holzer. Dazwischen finden sich jedoch häufig Gipfeltouren, ja sogar Wanderungen in heimischen Gefilden - oft zusammen mit Hansl, den Töchtern oder dem Schwiegersohn. Und Sätze, die ein „Zur-Ruhe-kommen“ erahnen lassen: „Wie schön ist doch unsere Heimat!“ Hier könnte die bislang so außergewöhnliche Geschichte wieder in „geordnete Bahnen“ münden und harmonisch ausklingen ... aber da schlägt Hermi das nächste Buch und ein neues Kapitel auf.

Im Juli 1983, 20 Jahre, nachdem der Bergvirus sie unheilbar infiziert hat, lädt der Mayrhofner Spitzenkletterer Luggi Rieser die rastlose Großmutter ein zu einer gemeinsamen Tour: die Fußstein-Nordkante mit Überschreitung zum Olperer. Eine wie Hermi lässt sich da nicht zweimal bitten und steigt souverän dem 30 Jahre Jüngeren hinterher. Im August 1985 „verewigt“ sich die originelle Seilschaft - Luggi nennt sich als Bhagwan-Anhänger inzwischen Prem Darshano und klettert mit Frack und Zylinder - mit dem „Hermi-Pfeiler“, einer luftigen (V+) Erstbegehung am Blaser im Zillertaler Floitenkamm. Die von Darshano mit dem Tiroler Hanspeter„Jesus“ Schrattenthaler in den 80er und 90er Jahren kreierten Kletterrouten gelten bis heute als legendär in puncto Stil und Schwierigkeit. Und manchmal begleitet Hermi die „Buben“ - hinauf in eine neue Kletterwelt. Gemeinsame Erstbegehungen heißen „Hermilyn-Verschneidung“, „Mit 66 Jahren“, „Juwel der Freundschaft“, „Hurra 70!“ - und zum 75-sten Geburtstag „Erinnerung an die Zukunft“.
Dass sie nach wie vor ein erfülltes Leben hat, betont Hermi und legt einen Stapel mit neueren Fotos auf den Tisch. Seit infolge einer irreparablen Augenerkrankung die Sehkraft stark eingeschränkt ist, kraxelt das Energiebündel auch heute noch an den Klettersteigen um Mayrhofen. Das gehe auch ohne Partner, und Tritte und Griffe könne sie schließlich noch gut genug erkennen. Am Schrank lehnt - fertig gepackt zum Ausrücken - der Rucksack mit der Klettersteigausrüstung. Irgendwie hat sich nichts geändert: Eine Hermi Lottersberger geht grundsätzlich lieber rauf als „och‘n“.

In Erinnerung an all deine großartigen bergsteigerischen Leistungen, aber auch in Bewunderung deiner Kraft zur Bewältigung schwerer Schicksalsschläge, deiner positiven Lebenseinstellung und deinem starken Willen, jedem neuen Tag aktiv zu begegnen, gratulieren dir die „Zillertaler Heimatstimme“ und deren Leserinnen und Leser, sehr geschätzte Hermi Lottersberger, zum 90er.

(Text aus Beitrag von Birgit Antes - Weihnachtsausgabe der Zillertaler Heimatstimme 2009 - und Redaktion)